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Innovation und Bildung sind seit Jahren bedeutende gesellschaftliche Diskussionsbereiche. Das war nicht immer so. Nun gibt es Bildungsoffensiven, Exzellenzprogramme und vielfältige Reformen im Hochschulwesen – neue Studienmodelle und –abschlüsse, Qualitätssicherung durch Evaluationen und Akkreditierungen sowie Pläne zur Erhöhung der Akademikerquote. Die Ansätze sollen zu Bildungsinstitutionen führen, welche Menschen darauf vorbereiten, vielschichtige, komplexe Probleme der Zukunft zu lösen und den gesellschaftlichen Wohlstand zu sichern.
Doch greifen die Maßnahmen in gewünschter Weise? Wird es uns durch die Verkürzung der Studienzeiten, durch stärkere Fokussierung praktischer Elemente im akademischen Bereich sowie durch Vereinheitlichung von Systemen gelingen, eine Plattform für Bildung bereitzustellen, die nicht nur ausgebildete, also mit Fachwissen versorgte, sondern gebildete, also in Zusammenhängen denkende, umfassend bewertende, unkonventionelle und kreative Lösungen erzeugende, Menschen hervorbringt?
An den Hochschulen trifft man auf viele junge Menschen mit einem klaren Ziel vor Augen. Sie wollen bestmöglich auf die Ausübung eines Berufes vorbereitet werden. Sie fordern die Vermittlung von Fakten, die Untermalung mit Beispielen sowie die praxisgerechte Ausrichtung der Lehrveranstaltungen im Einzelnen und der Studiengänge im Ganzen. Dies ist aus individueller Perspektive verständlich, stellt doch das Studium aus Sicht der Studenten – gerade in Zeiten von Studiengebühren – eine Investition dar. Diese Anfangsauszahlung soll sich durch einen steten, hoffentlich in seinen Beträgen von Jahr zu Jahr steigenden Zahlungsfluss in Form attraktiver Gehälter amortisieren.
Unternehmen möchten über schnell einsetzbare Mitarbeiter verfügen, die ohne lange Einarbeitungsprogramme Herausforderungen angehen können und einen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten. Das ist legitim!
Staatliche Institutionen mit Auftrag zur Rahmensetzung und in Deutschland Träger der meisten Bildungseinrichtungen greifen diese Forderungen auf und scheinen ihnen nachzukommen. Das ist doch gut – werden dem Staat nicht allzu häufig, träge Entscheidungsprozesse und mangelnde Orientierung an den Realbedürfnissen seiner Mitglieder vorgeworfen?
Allerdings noch einmal die Frage: Sind die gestellten Weichen die richtigen? Viele Studenten begreifen Hochschulen zunehmend als Wissensvermittlungsfabriken. Durch die Gebührenzahlungen in einer starken Kundenposition greifen sie in die Ausgestaltung des Studiums ein. Nicht studierbar? Geld zurück (siehe Bochum)! Selbst schreiben? Ich zahle doch, da gibt es wohl ein Script! Usw. usw. Es wird häufig übersehen, dass Menschen nicht von Dritten gebildet werden können. Sie können allenfalls mit Informationen versorgt werden. Bilden – ja bilden können sie sich nur selbst. Allerdings kann eine Plattform für Bildungsvorgänge sie dabei unterstützen. Die Hochschule als Lernarena, die aus Informationen die Entstehung individuellen Wissens ermöglicht, die durch das Forcieren von Diskussionen und den Zwang zum tiefgründigen Durchdenken von Phänomenen und Theorien Bildung von Menschen unterstützt. Dieses Eindringen in die Tiefen von Theorien, das analysierende Zerlegen, das konzeptionelle Gestalten von neuen Artefakten und sich mit anderen Reiben schafft richtige Persönlichkeiten. Allerdings werden dazu Zeit und Freiheit benötigt. Zwei Dinge, die im Hochschulwesen zunehmend bedroht scheinen. Reglementierte Studiengänge, enge Prüfungsrythmen, kurze Studienzeiten in Kombination mit dem Anspruch keine wesentlichen Inhalte auszulassen, lassen nicht die Zeit für genanntes Eindringen, sich Vertiefen, Hin- und Herwälzen, Formulieren von Alternativen, umfassendes Durchdringen von Zusammenhängen. Das System erzeugt vielleicht besser ausgebildete aber unter Umständen weniger gebildete Menschen.
Wie sollen aber Zukunftsherausforderungen in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft angegangen werden können, wenn Menschen vorrangig über Kenntnisse bezüglich bestehender Artefakte verfügen? Benötigen wir in Zeiten steigender Dynamik und anwachsender Komplexität sowie daraus resultierender sinkender Prognostizierbarkeit von Zukunftsentwicklungen nicht vielmehr eine Gewandtheit im Umgang mit unstrukturierten Problemen, den Mut zum Hinterfragen bestehender Vorgehensweisen, das Vertrauen in die eigene Fähigkeit zum Bewältigen komplexer Probleme und eine Metakompetenz in Systemen zu denken, Zusammenhänge zu erkennen und Auswirkungen zu bedenken?
Was hindert Hochschulen daran, diesen Aspekt zu akzentuieren? Grundsätzlich steht es ihnen durch den Grundsatz der Freiheit von Forschung und Lehre frei. Dennoch finden sie sich zunehmend in einem Korsett von Vorgaben, welches die verfügbaren Handlungsmöglichkeiten reduziert. Extern akkreditierte Studiengänge mit festen Modulbeschreibungen begrenzen in gewissem Maße die Freiheit von Dozenten an Hochschulen und fördern eher die Informationsvermittlung als das Unterstützen der Bildung oben genannter, weniger greifbarer, abstrakter Fähigkeiten. Hochschulen erkennen dieses Defizit und reagieren darauf. Teilweise werden Kurse zu methodischem Arbeiten und ganzheitlicher Problemlösung angeboten, die mit einer Klausur oder Abschlussarbeit beendet werden, weil es das System so will – eine geeignete Vorgehensweise?
Damit keine falschen Deutungen aufkommen: Veränderungen im Hochschulwesen waren sicher angebracht. Die Einbeziehung praktischer Aspekte kann auch die Motivation in formalwissenschaftlich geprägten Studienabschnitten erhöhen. Die Bemühungen zur Qualitätssicherung können zu höherwertigen Angeboten führen. Die Unterstützungen bei Studienwahl und –organisation können Abbrecherquoten verringern. Allerdings sollte mit den implementierten Maßnahmen keine Einschränkung der bedeutsamsten Aufgabe von Hochschulen einhergehen – der Ermöglichung von Bildung.
Was können Politik und Gesellschaft tun? Systeme sollen an sich verändernde Bedingungen angepasst werden; so auch das Bildungs- und Hochschulsystem. Allerdings muss diese Entwicklung nicht immer weggehen von vergangenen Ausgestaltungsvarianten. Durch kontinuierliche Anpassungen in der Vergangenheit wurden Ursprungskonstellationen verändert, teilweise verwässert, um den jeweils herrschenden Bedingungen besser gerecht werden zu können. Vielleicht bedarf es einer Nachjustage in Form der Orientierung am Ausgangszustand. Stellen die Humboldtschen Ideale nicht eine hervorragende Basis, um nicht einfach ausgebildete sondern gebildete Menschen hervorzubringen? Bedarf es nicht des Einhauchens humboldtschen Geistes in unsere Hochschulen? Dann wird die langfristige Rendite aus den Investitionen für den Einzelnen, wie auch für die Gesellschaft am größten sein. Prof. Dr.-Ing. Christian Mieke, Frankfurt a.M.
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